Hintergrund

Active 4 future


Im Bereich der vorberuflichen Qualifizierung junger Menschen kristallisiert sich bei den Arbeitsgemeinschaften der Agenturen für Arbeit und Kommunen mehr und mehr eine Gruppe von Jugendlichen heraus, die nicht mehr über herkömmliche Projekte und Maßnahmen angesprochen werden kann.

So auch bei der VESTISCHEN Arbeit Oer-Erkenschwick. Viele Jugendliche, die aufgrund ihrer beruflichen, sozialen und wirtschaftlichen Zukunft keine Perspektiven mehr sehen, haben eine Null-Bock-Haltung entwickelt, die auch mit den Instrumenten von Hartz IV im Rahmen des Fallmanagements nur schwer zu durchbrechen ist.

Dies äußert sich in sozialer Abgrenzung, eigenem Sprachcode, Frustration, Radikalisierung, Gewaltbereitschaft oder Drogenkonsum. Bei dieser Gruppe von Jugendlichen gehen sozialisationsbedingte Defizite mit Beziehungsunfähigkeit, Verweigerungstendenzen, mangelhaften Sekundärtugenden und einer fehlenden Frustrationstoleranz einher.

Die Folge sind Orientierungs- und Perspektivlosigkeit. Im Rahmen von „Active 4 future“ werden herkömmliche Strukturen verlassen, um durch eine innovative Gestaltung von Lernprozessen die Zukunftschancen von jungen Menschen zur gesellschaftlichen Teilhabe zu verbessern.

Zielsetzung

"Active 4 future" zielt darauf ab, Jugendliche mit innovativen Lernangeboten zu aktivieren und ihre Sekundärtugenden und ihre Lernfähigkeit so zu verbessern, dass sie ihr soziales und berufliches Leben weitgehend selbstständig meistern und sich eigenverantwortlich verhalten können. Daraus resultiert eine Förderung ihrer Ausbildungs- und Arbeitsfähigkeit, eine berufliche Orientierung bzw. eine Unterstützung bei der Suche nach einem Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz und somit eine Verbesserung ihrer Teilhabe an der beruflichen Integration.

Im Einzelnen zielt das Projekt darauf ab, Jugendliche...

  • über eine verstärkte individuelle sozialpädagogische Betreuung zu aktivieren,
  • zu befähigen, Regeln einzuhalten,
  • auf die Anforderungen in der Arbeitswelt vorzubereiten,
  • in die Lage zu versetzen, adäquat zu kommunizieren und ihre Beziehungsfähigkeit zu verbessern,
  • in ihrer Ausbildungs- und Arbeitsfähigkeit zu fördern
  • beruflich zu orientieren
  • bei ihren Bewerbungsbemühungen zu unterstützen

Zielgruppe

Zielgruppe sind Jugendliche aus Oer-Erkenschwick, die...

  • Leistungen im Rechtskreis SGB II beziehen,
  • 16 bis 22 Jahre alt sind,
  • kaum zu aktivieren und zu motivieren sind,
  • keinen oder einen schlechten Schulabschluss besitzen,
  • als Schulverweigerer bzw. Lernverweigerer aufgefallen sind,
  • erhebliche Defizite im sozialen Umgang aufweisen.

Struktur des Projektes

Projektdauer

Die gesamte Projektdauer beträgt 6 Monate: 01.12.2006 bis 31.05.2007

Projektorganisation

Die Aufnahme der Jugendlichen erfolgt ausschließlich über Zuweisung der VESTISCHEN ARBEIT Oer-Erkenschwick.

Aufgrund der besonderen Projektkonstellation teilt sich die tägliche Anwesenheit in fixe und variable Zeiteinheiten. Die variable Anwesenheit dient dem „Ankommen“ und ist von 08:00 bis 09:00 Uhr täglich festgelegt. Die fixe Anwesenheitspflicht beträgt 6 Stunden täglich, Montag bis Freitag, 09:00 bis 15:30 Uhr (incl. 0,5 Std. Mittagspause).

Qualifizierungsgeld

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten ein Qualifizierungsgeld in Höhe von 100 EURO pro Monat als Leistungsprämie. Die Leistungsprämie wird nur bei vollständiger fixer Anwesenheit ausgezahlt, tritt eine unentschuldigte Fehlzeit oder Krankenzeiten auf, entfällt die Zahlung für den betreffenden Monat in voller Höhe.

Art und Umfang der Leistungen

Die Ergebnisse ähnlicher Projekte haben gezeigt, dass die Schaffung individueller, an den Bedürfnissen ausgerichtete Lernangebote allein nicht die Lösung für diese Jugendlichen ist. Genau hier setzt das Projekt an und hat zunächst über das tägliche „Ankommen“ den Schwerpunkt der Kontaktaufnahme, das Kennen lernen und Betreuung der Jugendlichen, um die Voraussetzungen für ein lernförderliches Umfeld zu schaffen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben hier die Möglichkeit, über ein gemeinsam organisiertes Frühstück erste Gruppenkontakte zu knüpfen, sich kennen zu lernen und gemeinsame Aktivitäten anzusprechen.

Die inhaltliche Tagesgestaltung während der fixen Anwesenheitszeiten wird von der TN-Gruppe weitgehend selbst entworfen. Die Tagesplanung entsteht dabei durch das gemeinsame Formulieren von Zielvereinbarungen, die kleinschrittig auf die einzelnen Gruppenmitglieder herunter gebrochen werden, am Ende des Tages auf ihre Erfüllung hin überprüft und logisch fortgeschrieben werden. In gruppendynamischen Prozessen und ggf. in Einzelfallhilfe zu bestimmten Lebensweltbezügen der jungen Menschen werden z.B. Probleme mit der Familie, Drogen, Schulden und dem sozialen Umfeld aufgearbeitet. Lebenspraktische Hilfestellungen zur Selbsthilfe stehen hier im Vordergrund und sollen mit den Jugendlichen eine vertrauensvolle Basis schaffen und zur weiteren Teilnahme motivieren. In enger Kooperation aller Projektbeteiligten werden damit und für die Jugendlichen Freiräume geschaffen, die Lernen und die Auseinandersetzung mit sich selbst überhaupt erst ermöglichen.

Tragende Elemente der Pädagogik sind, methodisch betrachtet, die Vermittlung selbst gesteuerter Lernformen, so dass jeder Jugendliche durch die eigene Arbeit lernt, d.h. durch selbständiges Handeln.

Da die Arbeitsschwerpunkte des Projektes auf die Förderung des individuellen und sozialen Verhaltens abzielen, stehen den Teilnehmenden zur Unterstützung und Umsetzung der gewünschten Lerninhalte internetfähige PC und damit Mail, Fax und Telefon zur Verfügung.

Folgende Inhalte stehen den Jugendlichen während der fixen Anwesenheit als Anregungen in modularer Form zur Verfügung:

Projektinhalte

TN-Aufnahme

Nach Erhalt der Zuweisung durch die VESTISCHE ARBEIT Oer-Erkenschwick wird die entsprechende Teilnehmerin bzw. der entsprechende Teilnehmer zu einem Aufnahmegespräch eingeladen. Nachdem zuvor der/die Teilnehmende über die Hinweise zum Datenschutz aufgeklärt wurde und die Erklärung zum Datenschutz unterschrieben hat, erfolgt der Einsatz eines Fragebogens, über den Erkenntnisse über den bisherigen Werdegang und die Sozialanamnese gewonnen werden. Der Fragebogen lässt erste Erkenntnisse zu schriftlichem Verständnis, Rechtschreibfähigkeit und schriftlichem Ausdruck zu.

Im gemeinsamen Gespräch werden neben der bisherigen beruflichen Anamnese auch Erkenntnisse zur Arbeitsbereitschaft / Arbeitsfähigkeit gewonnen. Dazu gehört auch die räumliche und berufliche Mobilität, bevorzugte Arbeitszeiten, Gesundheitszustand, aktuelle Wohnsituation und soziales Umfeld.

Beispielhafte Projekte

Fotoprojekt zum Thema: „Mein Lebensraum/ meine Umwelt“ Entwicklung eines Handbuches zum eigenen Sprachcode Ernährungsprojekt: „Pellkartoffeln statt Pommes“ Medienprojekt: „Bedrucken von T-Shirts“ Exkursionen planen und organisieren, z.B. Klettertour, Fahrradtour, Kinobesuch, etc. Film, Fotoprojekt oder gespielter Vortrag zu einem Beruf mit Zukunft: z.B. Mechatroniker/in, Frisör/in etc. Projekt zur Qualifizierung zum „Mediencoach“ (in Anlehnung eines Projektes des Neukirchener Jugendhilfeinstitut zur Stärkung der Medienkompetenz an vier Schulen aus Neukirchen-Vluyn) oder zum „Finanz-Scout“ (in Anlehnung an das Projekt des Gustav-Stresemann- Instituts e.V. (GSI) 2004 – 2006 in Zusammenarbeit mit dem Friedrich-List-Berufskolleg Bonn, der Verbraucher-Zentrale NRW, Beratungsstelle Bonn, unter Mitwirkung des Medienzentrums Rheinland, gefördert durch die Deutsche Behindertenhilfe, Aktion Mensch e.V.

Lebensweltbezüge

Eigener Wohnraum
Gemeinsam mit den Jugendlichen wird anhand von Wohnungsannoncen erarbeitet, welche Kosten mit einer eigenen Wohnung verbunden sind. Begriffe wie Kaution, Provision, Maklergebühr (Courtage), Nebenkosten werden ebenso erarbeitet wie Informationen zu Institutionen (Mieterschutzbund), der gesetzlich verankerte Anspruch auf Wohngeld (Zuschuss zu den Mietkosten). Welche Regelungen sieht das SGB II zum Thema Kosten der Unterkunft vor? Die Jugendlichen können so ihr Wissen auf ihre individuelle Wohnsituation übertragen und die mit einer eigenen Wohnung verbundenen Kosten realistisch einschätzen.

Mobilität
Der Begriff wird gemeinsam unter Berücksichtigung der Vorkenntnisse erklärt und die Möglichkeiten, ohne eigenes Fahrzeug mobil zu sein, erarbeitet. In diesem Zusammenhang lernen die Jugendlichen, verschiedene Arten der Informationsrecherche (Internet, Fahrpläne, Veranstaltungspläne) kennen.

Haushalten mit Finanzen
Der richtige Umgang mit den zur Verfügung stehenden Finanzmitteln als auch die Benennung von Möglichkeiten des Gelderwerbes sowie die Planung regelmäßiger und einmaliger Ausgaben stellen hier das Thema.

Die Teilnehmenden könnten ein Haushaltsbuch entwickeln und lernen, zwischen fixen und variablen Kosten zu unterscheiden. Sie erarbeiten sich dabei auch Informationen zum Geldverkehr, des Zahlungsausgleiches und den Ablauf einer Schuldnerberatung. Auch zu diesen Themen können Experten eingeladen oder Exkursionen organisiert werden.

Gesundheit
Die Sensibilisierung für die Bedeutung einer gesunden Ernährung können sich die Jugendlichen über ihre Informationsrecherche und das Führen eines Ernährungstagebuches bewusst machen. In der Gruppe können Auswirkungen der täglich zu sich genommenen Lebensmittel aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse formuliert und ein Projekt zur gesunden Ernährung durchgeführt werden.

Freizeitgestaltung
Möglichkeiten der planvollen Freizeitgestaltung stehen hier im Mittelpunkt. Die Jugendlichen erkennen über Planung, Organisation und Durchführung von Projekten die positiven Auswirkungen kreativer und sportlicher Aktivitäten auf das Selbstwertgefühl und das eigene Selbstvertrauen. Bei Überprüfung der Umsetzung der Projekte erhalten die Jugendlichen realistisches Gefühl für eine Zeit- und Finanzplanung. Sie lernen auch kostenfrei ihre Freizeit zu gestalten.

Angebotene Trainings

Coolnesstraining zur Gewaltprävention Benimm-Training Krisen- und Konfliktbewältigung im Alltag zur Erarbeitung von individuellen Handlungsstrategien

Förderung des individuellen sozialen Engagements

Übernahme von Beratungsaufgaben für die Gruppenmitglieder: z.B. als Mediencoach, zur Aufklärung über Gefahren von Handygebühren, Einkaufen im Internet, Herunterladen von Musik oder das richtige Benehmen in einem Chatroom. Der Finanz-Scout kommuniziert das Thema Verschuldung bzw. Verschuldungsgefahr präventiv in Schulen und Jugendeinrichtungen - auf gleicher Augenhöhe mit jungen Menschen. Da auch das Einladen von Experten eine Chance zur Informationsgewinnung aus erster Hand ist, haben die Jugendlichen die Gelegenheit, Kontakt mit Vertreterinnen und Vertretern der Projekte oder entsprechender Institutionen aufzunehmen, sie ggf. einzuladen, die Vermittlung der benötigten Inhalte zu planen und ihre erworbenen Kenntnisse auch über die Projektgruppe hinaus selbst an Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen zu kommunizieren.

Life-Kompetenz-Module

Den Jugendlichen und jungen Erwachsene stehen auf der Plattform des Jugendnetzes Baden-Württemberg interaktive E-Learning-Module zum Bereich der Life-Kompetenz zur Verfügung, die Bestandteil des Qualipasses sind und die Nutzer über das Medium Internet zum Lernen für das Leben motivieren. Sie werden strukturell und inhaltlich erläutert und mit Arbeitsmaterialien ergänzt.

Die Life-Kompetenz Module werden unterstützend eingesetzt und können angeleitet als auch selbstständig bearbeitet werden. Folgende Bausteine stehen zur Verfügung:

Job aktuell Wohnen Finanzen Versicherungen Behörden

Die Jugendlichen haben so die Möglichkeit, sich mit herrschenden Regeln, Möglichkeiten und Institutionen auszukennen und somit ihre Eigenverantwortlichkeit sowie ihr selbstständiges Handeln zu fördern.

Fit For Life- Module unterstützen dabei die Förderung der sozialen Kompetenz der jungen Menschen über Trainings zu sozialen Fähigkeiten und Fertigkeiten auf den Gebieten Wahrnehmung, Kommunikation, Zusammenarbeit, Gefühle, Konfliktlösung, Einfühlungsvermögen und Lebensplanung.

Im Training werden für Kleingruppen Rollenspiele, Gruppenregeln, Entspannungstechniken und Videoaufzeichnungen angeboten.

Bewerbungs-Management

Sind die Jugendlichen in ihrem Verhalten so stabilisiert, dass sie die Ausbildungs- bzw. Beschäftigungsreife erlangt haben, erfolgt während der letzten zwei Monate eine individuelle konstruktiv kritische Reflexion der bisherigen Bewerbungsbemühungen der Jugendlichen. Die Analyse fehlgeschlagener Bewerbungen und Vorstellungsgespräche ist dabei von besonderer Bedeutung. Die Ergebnisse dieser Analyse werden bei der Erstellung aktueller Bewerbungsunterlagen berücksichtigt. Ziel ist das eigenverantwortliche Handeln der Betroffenen zu fördern und zu strukturieren und somit ihre Handlungskompetenz im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe zu verbessern.

Die Ausbildung- /Arbeitsuchenden werden bei der Erstellung der Bewerbungsunterlagen bei Bedarf unterstützt. Sie können aber auch jederzeit im Rahmen der Arbeitszeiten selbstständig am PC arbeiten oder sich bei Bedarf in Kleingruppen zu festgelegten Terminen über die Elemente einer Bewerbungsmappe informieren und Vorstellungsgespräche unter Einsatz des Camcorders simulieren.

Die Unterstützungsangebote in diesem Bereich umfassen auch die Vorbereitung auf Einstellungstests für Ausbildungsplatzbewerberinnen und Ausbildungsplatzbewerber oder das Ausfüllen der Personalfragebögen der Unternehmen.

Hilfe bei der Stellensuche im virtuellen Arbeitsmarkt (VAM) und Internet

Zur individuellen Stellenrecherche erfolgt bei Bedarf ein individuelles oder Kleingruppentraining zum Thema „Surfen zum Job“.

In diesem multimedialen Modul lernen die Teilnehmenden das effektive Handling mit dem Internet in Bezug auf die Job-Börsen und das Ausbildungsplatzangebot über die Homepages von Unternehmen kennen und lernen, wie sie den richtigen Job für sich finden.

Der Stellenmarkt im Internet mit seinen zahlreichen Jobbörsen bietet Menschen nicht nur die Möglichkeit, gezielt Jobs zu suchen. Sie haben auch die Chance, von potentiellen Arbeitgebern gut gefunden zu werden. Darüber hinaus lassen sich Jobbörsen jederzeit und überall schnell und einfach nutzen. Das Prinzip: Angebote und Anforderungen von Stellensuchenden und Stellenanbietern werden detailliert miteinander verglichen und ausgewertet.

Die Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit bietet darüber hinaus besondere Möglichkeiten: Junge Menschen können hier mit ihren ganz persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten auf sich aufmerksam machen. Dabei kommt es nicht allein auf Zeugnisse und Zertifikate an, sondern vor allem darauf, was sie können und sich zutrauen. Das eröffnet auch gering qualifizierten Menschen neue Chancen, gut gefunden zu werden.

Am Ende des Projektes wird mit jeder Teilnehmerin und mit jedem Teilnehmer eine gemeinsame realistische Anschlussperspektive erarbeitet, die in einer Empfehlung an die VESTISCHE ARBEIT Oer-Erkenschwick weitergeleitet wird.

Die einzelnen Module sind flexibel einsetzbar und richten sich in ihrer jeweiligen Intensität nach dem gruppenbezogenen Bedarf der Teilnehmenden.




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